– BERLIN (BIERMANN) – Die im Gesundheitswesen zur Verfügung stehenden Mittel werden immer knapper - darüber herrscht größtenteils Einigkeit. Wie mit dieser Mittelknappheit in Zukunft umgegangen werden soll, wird dagegen kontrovers diskutiert. Während eine Rationierung der Ressourcen und eine Priorisierung von Patientengruppen und Behandlungen manchem Experten zufolge unausweichlich zu sein scheint, schlagen andere angesichts dieser Vorstellung noch erschrocken die Hände über dem Kopf zusammen.
Dabei sind Rationierung und Priorisierung unserem Gesundheitssystem durchaus nicht fremd. Schon heute wird in der Psychiatrie rationiert und priorisiert, sagt Prof. Wolfgang Gaebel, Düsseldorf: Patienten müssen in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung oft lange auf einen Therapieplatz warten, ebenso wie auf Rehabilitationsmaßnahmen. Im ambulanten und stationären Bereich steht Ärzten für die Behandlung ihrer Patienten nur ein begrenztes Budget zur Verfügung. Die in der Psychiatrie-Personalverordnung vorgegebenen Quoten werden nicht erfüllt. Patienten werden aus der Privaten Krankenversicherung ausgeschlossen, wenn sie an bekannten psychischen Störungen leiden.
Zudem finde im stationären Bereich eine implizite Rationierung statt, erklärt Gaebel. Durch die Zunahme der administrativen Arbeiten und die Abnahme der Arbeitszeit, stehe weniger Zeit für die Patientenversorgung zu Verfügung, zitiert der Psychiater aus der Putzhammer-Studie.
Gaebel fordert seine Fachkollegen deshalb dazu auf, diese heimliche Rationierung und Priorisierung zu beenden. "Wir müssen selbst Priorisierungskriterien machen, bevor es andere für uns tun", warnt er. Sonst drohten am Ende Zustände wie man sie teils in anderen Ländern vorfinde. Als abschreckendes Beispiel einer Rationierungsmaßnahme nennt er beispielsweise den "Oregon Health Plan". Er enthält eine ganze Reihe von Leistungsausschlüssen bei psychischen Störungen, wie beispielsweise bei Konversionsstörungen, sexuellen Funktionsstörungen, wahnhaften Störungen und vielem mehr.
Noch extremer scheint der Umgang mit der Gerontopsychiatrie im US-amerikanischen Medicare-System: Die Ärzte werden angehalten, weniger teure Behandlungen zu verschreiben, auch wenn sie weniger wirksam sind. Wenn die Übernahme von Behandlungskosten von der Versicherung verweigert wird, begründet Medicare dies dem Patienten gegenüber damit, dass der Arzt sich "nicht an die Regeln gehalten hat". Die Versicherungsmitarbeiter werden aktiv dazu angehalten, Anträge auf Kostenübernahme abzulehnen - auch in der Hoffnung, dass die meist älteren Patienten dann aufgeben.
Um solchen Auswüchsen zu entgehen, müsse in der deutschen Psychiatrie offen über Themen wie Rationierung und Priorisierung gesprochen werden, meint Gaebel.
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