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1. Internationaler Kongress zur Borderline-Persönlichkeitsstörung in Berlin

02.07.2010 (BIERMANN) – In Deutschland sind etwa sechs Prozent der Jugendlichen von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung betroffen. Der 1. Internationale Kongress zur Borderline-Persönlichkeitsstörung von 1. bis 3. Juli in Berlin macht auf ein lange vernachlässigtes Störungsbild aufmerksam.

Der Veranstalter - der Dachverband der Dialektisch-Behavioralen Therapie e.V. - und die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) erwarten etwa 1500 Teilnehmer aus 40 Ländern.

Grundlagenforscher, Therapie-Entwickler und klinisch tätige Psychotherapeuten sprechen im Rahmen des Kongresses über die neuesten Entwicklungen zum Thema. Auch Familienangehörige und Betroffene nehmen teil.

Etwa 700 Teilnehmer kommen aus Deutschland, darunter auch viele psychiatrische Pflegekräfte. "Wir freuen uns über das hohe nationale und internationale Interesse an einem lange vernachlässigtem Störungsbild", so Organisator Prof. Martin Bohus. "Eine solche Veranstaltung ist angesichts der Brisanz des Themas längst überfällig", sagt DGPPN-Präsident Prof. Frank Schneider.

Obgleich in Deutschland jährlich etwa vier Milliarden Euro für die stationäre Behandlung der Borderline-Störung ausgegeben werden (15 Prozent der gesamten Kosten für psychische Störungen), wusste man lange Zeit nur wenig über das häufige Störungsbild. In den letzten zehn Jahren hat sich der Wissensstand jedoch deutlich verbessert.

Kaum eine psychische Störung verzeichnet einen so enormen Zuwachs an Wissen wie die Borderline-Störung. So weiß man heute, dass zentrale Prozesse der Emotionsregulation, das heißt hemmende Verbindungen zwischen vorderen Hirnarealen und den Zentren der emotionalen Verarbeitung gestört sind. Daher erfahren die Betroffenen nahezu alle Gefühle deutlich intensiver, stürmischer und anhaltender als Gesunde.

Die Betroffenen erleben sich als Opfer dieser heftigen Emotionen und entwickeln oft schädliche Methoden wie Selbstverletzungen, nur um sich kurzfristig zu beruhigen. Bisweilen sind die Emotionen so stark, dass jedes Gefühl für den eigenen Körper verschwindet, die Wahrnehmung der Realität sich auflöst, und die Welt nur noch wie im Nebel wahrgenommen wird, oder man sich außerhalb des eigenen Körpers wähnt.

Auch bezüglich der Ursachen der Störung ist die Forschung ein Stück weiter: Über 60 Prozent der Betroffenen berichten über schweren sexuellen Missbrauch in der Kindheit - insbesondere im engeren Familiensystem. Damit ist die Borderline-Störung sicherlich die schwerwiegendste Folge von lang anhaltendem chronischen Missbrauch und Vernachlässigung.

Auch die Veränderungen in der Struktur des Gehirns lassen sich heute auf frühe Gewalterfahrungen zurückführen. Es ist jedoch wichtig darauf hinzuweisen, dass sexueller Missbrauch alleine keine ausreichende Erklärung für die Entwicklung dieser Störung darstellt. In der Regel kommen genetische Risikofaktoren hinzu, die jedoch noch der Aufklärung bedürfen.

Zudem entwickeln immerhin 40 Prozent diese Störung, ohne dass sexueller Missbrauch in der Kindheit eine wesentliche Rolle spielt und eine ursächliche Zuweisung würde sicherlich viele betroffenen Familien in ein falsches Licht setzen. Auch die Eltern der Betroffenen leiden erheblich unter den Gefühlsstürmen und Suizidversuchen ihrer Borderline-Kinder und benötigen dringend Unterstützung.

Auch die Behandlung der Störung hat in den letzten Jahren große Fortschritte erbracht. Mit der Dialektisch Behavioralen Therapie (DBT) wurde erstmals eine störungsspezifische Verhaltenstherapie entwickelt, die sich mittlerweile in mehreren großen randomisierten Studien als wirksam erwiesen hat. Mittlerweile wurden in Deutschland an psychiatrischen Fachkliniken über 30 hoch spezialisierte Behandlungseinheiten etabliert, die nach diesem Konzept arbeiten.

Die ambulante Versorgung ist allerdings immer noch völlig unzureichend. Es gibt zu wenig ausgebildete Therapeuten und die Kassen haben oft Schwierigkeiten, Therapien zu finanzieren, die über die Dauer eines Jahres hinaus nötig sind. So erhält nur etwa einer von tausend Betroffenen wirksame ambulante Behandlung.

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