– HEIDELBERG (dpa/lsw) – Ein Hightech-Gerät macht in Heidelberg ab sofort Jagd auf seltene kleine oder sogar tennisballgroße Tumore im menschlichen Körper. Die 119 Millionen Euro teure Ionenstrahl- Beschleunigeranlage verbraucht dabei so viel Strom wie eine Kleinstadt. Dazu nimmt sie neben einem eigenen Gebäude auch eine Fläche ein, die groß ist wie ein halbes Fußballfeld.
Weltweit gibt es bislang nur noch zwei vergleichbare betriebene Anlagen in Japan. Weitere Ionenstrahl-Anlagen werden zurzeit in Marburg-Gießen und Kiel sowie bei Mailand gebaut.
Im Heidelberger Ionenstrahl-Therapiezentrum (HIT) werden die Krebspatienten über den Teilchenbeschleuniger mit Protonen und Schwerionen bestrahlt. Speziell entwickelte Software setzt Informationen aus Computer-Tomographen so um, dass an jedem Punkt millimetergenau die erforderliche Strahlendosis abgegeben wird.
Die Lage und Intensität des Therapiestrahls im Körper wird dabei 10.000 Mal pro Sekunde am Computer überprüft. Bei geringsten Abweichungen schaltet das Gerät innerhalb von einer halben Millisekunde ab - und reagiert damit 1000 Mal schneller als ein Mensch im Reflex. Das soll die beste mögliche Behandlungssicherheit garantieren.
Die zwei Behandlungsräume, in denen jährlich bis zu 1300 Patienten mit bisher meist unheilbaren Tumoren vor allem im Kopf und später an Auge, Sehnerv, Hirnstamm oder Darm therapiert werden sollen, sehen eher aus wie die "Beam-Transporterbereiche" von Raumschiff Enterprise. "In den vergangenen Monaten wurde die komplizierte Software von HIT von einem Team aus Physikern, Ärzten und Technikern installiert", erklärt der Anlagenentwickler und Physikprofessor Thomas Haberer.
"Ziel jeder Strahlentherapie ist es, Tumorzellen zu zerstören und gleichzeitig umliegende gesunde Zellen zu verschonen. Beschleunigte Ionen eignen sich dafür besser als die herkömmlich genutzte Röntgenstrahlung, damit gesundes Gewebe nicht zerstört wird", erklärt Haberer. Pro Patient kostet die Therapieform etwa 20.000 Euro. Damit ist diese Bestrahlung zwei- bis dreimal kostenintensiver als eine herkömmliche, aber nicht immer erfolgreiche Therapie. Extreme Nebenwirkungen könnten so trotzdem der Vergangenheit angehören und die ohnehin physisch und psychisch anstrengende Krebserkrankung mildern.
Die gesetzlichen Krankenkassen unterstützen deshalb das Projekt. Es soll neben dem Betrieb auch die Forschung voranbringen und die neue Therapieform gegenüber der konventionellen Röntgenstrahlung etablieren. Die in ihrer Komplexität technisch mit einem Airbus A380 vergleichbare Anlage liegt direkt neben dem Nationalen Tumorzentrum, der Kopfklinik sowie der gerade neuen Kinderklinik in Heidelberg.
In einem Pilotversuch in Darmstadt wurden in der Entwicklungsphase für die Heidelberger Anlage schon 450 Patienten mit Tumoren im Schädel bestrahlt. Diese hatten noch keine Metastasen ausgebildet. Nach Auskunft des Ärztlichen Leiters des Heidelberger Ionenstrahl- Therapiezentrum Marc Münter lagen die Heilungschancen in fünf Jahren zwischen 80 und 90 Prozent. Die neuartige onkologische Strahlentherapie sei jedoch nicht für Krebsfälle im Endstadium geeignet, betonte er.
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